Depression
Leben

Down im Lockdown: wenn aus Alleinsein Einsamkeit wird.

Leicht ist es nicht, in dieser Zeit. Für uns alle nicht. Covid-19 verlangt uns Einschränkungen ab, die wir bisher nicht für möglich gehalten hätten. Aber wir arrangieren uns, wir bleiben zuhause, leben und arbeiten zuhause, räumen auf und misten aus, genießen lange Abende auf der Couch mit Netflix und haben endlich mal Zeit zum Lesen! So viele gute Bücher warten darauf endlich gelesen zu werden … 

Also eigentlich alles halb so schlimm? 

Es gibt ja Licht am Ende des Tunnels, die Zahlen der täglich gemeldeten Neuinfektionen des Robert-Koch-Instituts sinken, und bis Ende des Jahres können wir uns sicher alle impfen lassen. Wir werden auch diese Krise überwinden, da bin ich mir ganz sicher.

Ich bewundere die vielen Familien, die diese Zeit meistern (müssen), Eltern im Home-Office, Kinder im Home-Schooling, nebenbei noch Betreuung der Allerkleinsten … Chapeau!

Meine Situation ist eine ganz andere: ich bin allein. Was unter normalen Umständen überhaupt kein Problem für mich ist, denn ich komme gut mit mir selbst zurecht, langweile mich eigentlich nie und genieße das Alleinsein durchaus. Meine Wohnung ganz für mich zu haben, alles einrichten und dekorieren können wie es mir gefällt, keine Rücksichten, keine Kompromisse, das hat was. Ich genieße die Zeit, jetzt da meine Kinder erwachsen sind. Und ich keinen Partner habe. Übrigens auch keinen suche, aber das nur nebenbei.

Und doch, auch mir fehlen Begegnungen, die vielen kleinen Treffen mit anderen Menschen. Kaffeeklatsch mit den KollegInnen, die zwanglosen Unterhaltungen im kleinen Laden in der Nachbarschaft, über den Wochenmarkt schlendern und hier und da ein Schwätzchen halten, zufällig meine liebste Fotografin im Lieblingscafé treffen, mich mit meiner lieben Exkollegin zum Spaziergang verabreden, endlich mal die geplante gemeinsame Reise nach Paris auch wirklich antreten. 

Und meine Familie, Kinder und Enkelkinder, die fehlen mir am allermeisten, aber das ist wohl das Los der meisten Großeltern in dieser Zeit.

Es ist so vieles, was da auf einmal fehlt. Wir merken nicht, dass es fehlt, bis wir es vermissen.

Und dann sind sie da, die schwarzen Tage. 

Alles ist grau, selbst wenn es draußen nicht regnet und eine maßlose Traurigkeit überfällt mich. Gestern war mal wieder so ein Tag. Eigentlich war alles wie immer und doch alles anders. Ich habe immer so viele Ideen, was ich alles noch machen will, gestern hatte ich keine einzige. Nur das Gefühl dumm, hässlich und völlig wertlos zu sein. Und ich wusste nicht, ob ich jemals wieder einen Text schreiben könnte, denn eigentlich hab ich ja nichts zu sagen. Wen soll das interessieren, was ich schreibe …? Das volle Programm der Selbstdemontage. An solchen Tagen schaffe ich nichts, überhaupt gar nichts! Arbeit, Couch + TV, schlafen und zwischendurch essen. Sonst nichts. Nicht einmal lesen kann ich dann, weil ich mich auf nichts konzentrieren kann. Weil mich auch nichts mehr interessiert und die Zukunft einfach nur noch düster aussieht. Dann fällt mir ein Poesiealbum-Spruch aus meiner Kindheit ein, schrecklich banal aber eben doch wahr: Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Es gibt Wege aus der Finsternis.

Machmal hilft es schon, den Tag Revue passieren zu lassen um den Auslöser zu finden. Der kann ganz unspektakulär sein, ein unangenehmes Telefongespräch, Rechnungen und Mahnungen, die Frisur sitzt nicht, die Hose ist zu eng … Lappalien eigentlich. Und das ist das Gute daran: wenn du dir erst einmal klar machst, dass der Auslöser eine Kleinigkeit ist, kann der Tag oft noch gerettet werden. Aber manchmal eben auch nicht. Und dann?

Ein Tipp von meiner Schwester:

Wenn dich die Traurigkeit in die Tiefe reisst, musst du noch tiefer gehen.
Ganz tief unten ist ein Lichtschalter und den knipst du dann an.

Das, finde ich, ist ein sehr schönes Bild!
Früher habe ich gegen die Dunkelheit angekämpft, heute lasse ich sie zu. In dem Bewusstsein, dass es auch wieder hell wird. Ich lasse die Traurigkeit zu, denn ich weiß, dass sie vorübergehen wird. Genauso wie ich weiß, dass ich eben gerade in diesem Moment der tiefsten Traurigkeit nichts dagegen tun kann. An einem solchen Tag werde ich keine guten Ideen haben und nichts neues erreichen. Ein bisschen Schokolade kann hilfreich sein, oder ein Glas Rotwein, aber Achtung: ein Stück Schokolade, keine Tafel und ein Glas Wein, keine Flasche. Und dann hole ich mir mein Selbstwertgefühl zurück, in ganz kleinen Schritten. 

Ich bin anders und ich bin ok!

Es ist so wichtig, diesen Satz immer wieder zu beherzigen. Denn ganz ehrlich: wer von uns entspricht schon der Norm? Und ist ‚Normal‘ überhaupt erstrebenswert? Ist es nicht gerade unsere Verschiedenartigkeit, die das Leben so bunt, spannend und eben auch schön macht?! 
Und ja, an manchen Tagen gehört auch Einsamkeit zum Leben und düstere Gedanken und keine Lust zu gar nichts. Auch das ist Leben! Und am nächsten Tag kann es wieder wunderbar sein, diesen Freiraum zu haben, diese Kompromisslosigkeit zu leben, wie sie eben nur im Alleinsein möglich ist.
Deshalb ertrage ich die Tage der Einsamkeit, weil ich nur so auch das Alleinsein genießen kann. Und ich genieße das Alleinsein, wohl wissend, dass Tage der Einsamkeit immer wieder kommen werden.

Ich bin dankbar für den Luxus des Alleinseins.

Allein in einer Wohnung leben zu können ist für die meisten Menschen ein unerreichbarer Luxus. Für mich ist es Alltag. Und das ist ein Grund, dankbar zu sein. 
Ich bin kein Mensch für große Gruppen. Ich bin nie einem Verein beigetreten, gehöre keiner Clique an und hatte auch noch nie einen großen Freundeskreis. In Zeiten des Lockdown ist das natürlich ein großer Vorteil, denn mir fehlt viel weniger.

Wer heute jung ist tut mir leid.

Ich habe ganz großes Mitgefühl mit denen, die jung sind in Corona-Zeiten. Die zur Schule gehen sollten oder an die Uni. Die sich mit Gleichaltrigen austauschen sollten, die Spaß und Lebensfreude genießen sollten, bevor der ‚Ernst des Lebens‘ sie einholt. Dieser Ernst kommt viel zu früh und in ganz anderem Gewand daher. Und das ist nicht fair! Jung sein sollte Freiheit bedeuten, jetzt ist es eingesperrt sein und einsam. Nein, Online-Spiele, Snapchat, Facebook und andere ersetzen keine Party! Leider bringt uns auch mein Lieblingssong der Beastie Boys im Moment nicht weiter: Fight for Your Right to Party geht halt gerade nicht. 


Wenn die aktuelle Bedrohung durch die Pandemie (hoffentlich bald) überwunden ist, wünsche ich mir Party für alle, Alleinsein nur noch für die, die es genießen können und kein Mensch soll mehr einsam sein. Und ich schlendere dann wieder durch die Stadt, setze mich in mein Lieblingscafé mit einem guten Buch und erfreue mich an Zufallsbegegnungen. 
Und dann fahre ich endlich mal wieder nach Paris, nach Berlin und an die Nordsee.
Und verbringe ganz viel Zeit mit meiner Familie.

Es sind die kleinen Dinge, die das ganz große Glück bedeuten!

Ich wünsche dir und mir und uns allen, dass wir durchhalten! Wir schaffen das!

3 Comments

  • Katja

    Das hast du so schön und treffend geschrieben. Mir geht es ganz genauso. Auch wenn ich sehr gut alleine sein kann, und das auch wirklich gerne bin, sehne ich die Zeit der Begegnungen so sehr herbei!

    Ich hoffe auch, dass wir alle gut aus dieser Zeit hervorkommen ♡

    Katja

    • Rainer Kambeitz

      „Es ist schon eigenartig, wie wir es genießen, wenn wir alleine sein können, aber machmal fast daran verzweifeln, wenn wir alleine sein müssen.“

      Gruss Rainer

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